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Aus: "Christiane"
Guy Wagner

Das Anziehen ging schnell. Heute musste es das warme, grüne Kleid sein, darüber der gleichfarbene, samtene, mit Pelz besetzte Umhang mit der Kapuze. Sie war bereit. Babette lief hinunter und befahl dem Fuhrmann:

„Schwager, fahr die Kutsche vor!“

Sie rief Sabine, die die Herrin immer zum Markte begleitete. Als diese kurz darauf erschien, trug sie die Körbe bereits in den Unterarmen. Christiane zog ihre schwarzen Lederstiefel an, Babette öffnete das Haustor, wo der dunkelgrüne Zweispänner bereits wartete. Sabine stieg zu Niklaus hinauf, dessen Atem in der Kälte sichtbar war, und schlug eine Decke über die Knie. Babette öffnete die Wagentüre, auf der das Wappen der Lichnowskys prangte, und klappte das metallene Treppchen herunter. Die Fürstin stieg ein. Sie beachtete dieses Wappen schon nicht mehr, aber jeder in Wien kannte es, denn die Lichnowskys waren alter, begüterter Adel aus dem Schlesischen. Sie hatten großen Landbesitz, darunter auch zahlreiche Weinberge, was das Wappen deutlich machte: „Zwei große blätterige nebeneinander gestellte und oben übereinander gelegte Weinreben, jede mit einer bis nach unten herabhängenden Traube“, wie das Heraldikbuch schrieb, in dem die Fürstin gerne blätterte.
Christine von Thun
Christiane von Thun

Wappen der Lichnowskys

 
Nachdem Babette das Treppchen hochgeklappt und die Kutschentüre geschlossen hatte, drückte sich Christiane in den Fond des Wagens, beide Hände tief in ihrem warmen Muff vergraben.

Überall hörte man Räder rattern, Pferde wiehern, Menschen rufen und schreien, und je näher man dem Stadtkern kam, umso langsamer ging es weiter und umso stärker war das Wiehern in allen Tonlagen und das Fluchen in allen Sprachen: Es war Montag, die Märkte wurden neu beliefert, und so war der Lärm noch größer als sonst. Säuerlicher Urin vermischte sich mit tranigem Fisch, und das Aroma scharfer Gewürze aus Ungarn verband sich mit dem Mief des Pferdedungs, auf dem die Spatzen hockten.

Christiane hörte, wie Niklaus „Hü!“ rief. Die Droschke hielt an. Niklaus öffnete und half der Fürstin beim Aussteigen. Auch Sabine war schnell herbeigelaufen, streckte ihre Arme hin, aber da in beiden ein Korb hing, war ihre Geste eher eine der Höflichkeit als der Hilfe. Christiane schenkte ihr ein feines Lächeln, und im selben Augenblick war es wieder da, dieses ungute Gefühl, das sie seit der Nacht verfolgt hatte: „Es ist etwas geschehen“, fuhr es ihr durch den Kopf, doch dann war sie schon im Gewühl der Menschen und tauchte in das Geschrei hinein. Frauenstimmen vermischten sich mit denen der Händler, es dröhnte der Fürstin im Kopf, und dann langsam, wie eine Welle, die vom Meer her an den Strand schwappt und immer weiter in den Sand vordringt, dieses Rumoren, dieses Fragen, dieses: „Wer?“ und „Mein Gott!“ und „Der Arme!“ und wieder das „Wer?“, bis sie den Namen „Mozart“ verstand. Sie drehte sich zu Sabine und sagte ihr, und es klang wie ein Befehl:

„Frag mal nach, was los ist!“

Ihr wurden die Knie weich. Sie ertrug auch die vielen Leute und Gerüche nicht mehr und wollte weg, aber zugleich hielt es sie zurück, denn sie wollte unbedingt wissen, warum der Name „Mozart“ gefallen war. Endlich stand Sabine wieder vor ihr. Christiane sah den Schrecken in ihren Augen.

 „Mozart ist tot!“ Nur das brachte sie hervor.

„Was sagst du da?“, fragte die Fürstin und erbleichte.

„Mozart ist tot, gnädige Frau!“

„Wer sagt das?“

„Alle sagen es, gnädige Frau!“

„Wann ist er gestorben?“

„Heute Nacht, sagen sie.“

Christiane schloss die Augen:

„Das kann nicht sein, das kann nicht wahr sein. Da muss ich mich vergewissern.“

Sie rief Niklaus herbei, der den beiden Frauen gefolgt war:

„Trag die Körbe in den Wagen. Ich will zur Rauhensteingasse.“

Zu Sabine sagte sie:

„Folge mir.“

Kurz entschlossen bahnte sie sich einen Weg durch die Leute zurück zur Kutsche.

„Seine Wohnung ist nicht weit von hier.“

Die Kutsche kam am Stephansdom vorbei und die Frauen bekreuzigten sich während Niklaus den Hut leicht lüpfte.

„Warte auf uns.“

„In Ordnung, Herrin.“

Der Kutscher hielt. Christiane stieg aus. Sabine lief an ihre linke Seite. Sie sahen, dass bereits Menschen vor dem Hause standen, das die Ecke bildete und das man das „kleine Kaiserhaus“ nannte. Die Leute schauten nach oben. Christiane wusste, dass die Wohnung der Mozarts im ersten Stock lag. Die Vorhänge der beiden Fenster, die auf die Gasse hinausgingen und des dritten, das zur Himmelpfortgasse hin ausgerichtet war, waren zugezogen.



Auszug aus der ersten von drei Kurzgeschichten, die unter dem Titel "Der Herr und der Meister" in der Kulturzeitschrift "Galerie" Ende März 2006 erschienen sind. © Guy Wagner, 2003-2006

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