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De Profundis

Guy Wagner


Er spürte, wie die Hitze über seinem kleinen Körper zusammenschlug, wie seine Wangen zu glühen begannen, die Knochen seiner Beine aufzuweichen begannen und die Beine sich weigerten, ihm zu gehorchen. Es war ihm befohlen worden, aufzustehen und zur Wandtafel zu kommen. 

Er spürte die Blicke aller auf sich gerichtet, vierzig Augen, die sich in sein glühendes Gesicht einfraßen, und er wußte, wer sich darüber freute, daß er zur Wandtafel gehen mußte, und er wußte auch, wer eine Angst hatte, die so groß wie seine Angst war, und er wußte, daß er gegen diese Angst nicht ankam, sie war immer da, seit dem ersten Male, als die gleiche Stimme ihm befohlen hatte, aufzustehen und zur Wandtafel zu kommen. Damals hatte er nicht fassen können, daß eine Hitze, die er nicht kannte, über seinem kleinen Körper zusammengeschlagen war, daß seine Wangen zu glühen begannen und seine Beine nicht bereit waren, die Muskeln anzuspannen und ihm den Halt zu geben, damit er aufstehen konnte. 

Damals hatten alle gelacht, als er weinte. 

Er spürte, wie die Tränen wieder hinter den Augen zusammenliefen und sich aufstauten, dort aber keinen Platz fanden und weg wollten, die glühenden Wangen hinunter, um sie abzukühlen, aber er wußte auch: Ein Junge weint nicht, das Weinen ist gut für die Mädchen. Er wünschte sich seit langem, ein Mädchen zu sein, denn auch sein Vater meinte immer wieder immer verärgerter, er solle ein Mann sein und das Weinen den Mädchen überlassen. Wäre er doch nur ein Mädchen, er könnte nun weinen und er müßte sich nicht auch noch schämen, wo es doch schon unerträglich war, daß seine Angst in ihm so groß wurde wie der Tränensee, der weg wollte. 

Er wußte, daß seine Angst mit dem fetten Kerl da oben zu tun hatte.

Sie kam von diesem Riesen mit dem Knoblauchatem und einem Bauch, der so ungeheuer war, daß er seinem kleinen Blick verwehrte, das fette aufgedunsene Gesicht von unten zu sehen; diesem Riesen, der ihn mit einer Hand hochheben konnte und dann fallenließ, was die andern zum Lachen brachte und ihn zum Weinen.

Er biß sich in die Zunge und konzentrierte sich auf den Schmerz, den er sich selbst zufügte und der ihn davon abhielt, an etwas anderes zu denken, und am Ende wußte er nicht, wie er es fertiggebracht hatte, zwischen den Bänken hochzugehen und das Spießrutenlaufen der vierzig Augen hinter sich zu bringen. Er wußte nur, daß er es geschafft hatte und konnte die Zähne von der Zunge lösen.

Nun spürte er die Blicke in seinem Rücken, den er leicht gebückt hielt. 

Er wußte, daß er die Schultern hochgezogen hatte und den Kopf zwischen sie zwängte. So war er kleiner geworden, noch kleiner, und bot weniger Angriffsfläche für die Blicke auf seinem Rücken, und er spürte, wie die Blicke sich in seinen Rücken bohrten, aber sie taten ihm nicht mehr weh.

Noch eine Stufe, und er stand oben, auf gleicher Höhe wie der Riese. Er blieb unwillkürlich stehen, aber schon spürte er die Pranke des Riesen, die sich an seiner Schulter festbiß.

Er spürte, wie er den Boden unter den Füßen verlor.

Gleich würden alle lachen, denn der Riese würde ihn fallenlassen, und er mußte dafür sorgen, daß er auf die Füße aufkam. Er fiel nicht auf die Handflächen, und eine unerwartete Erleichterung ließ ihn sogar die Angst und die Tränen vergessen. Er kam auf den Füßen auf und spürte, daß seine Muskeln und seine Knochen nicht nachgaben und ihm Halt verschafften. 

Was der Riese brummte, kam ihm nicht zu Bewußtsein. 

Es stimmte ja schon, er hatte vorhin nicht zugehört. Er war mit seinen Gedanken, wie so oft, aus diesem Raume ausgebrochen. Seine Gedanken machten sich immer wieder frei und verließen den Raum, in dem er gerade war. Für sie gab es keine Mauern, und seine Mutter fragte dann mit einem lächelnden Vorwurf in der Stimme: Träumst du schon wieder? 

Diesmal hatte er an das Heu in der Scheune des Nachbarn gedacht, in das er sich immer wieder hineinfallen ließ, dessen unzähligen Düfte er in sich einsog, damit sie ihn trunken machten, trunken vor Freude. Er dachte daran, wie er gestern ein Piepsen im Heu gehört hatte, so fein und zerbrechlich, daß er an kleine Vögel dachte, aber es waren keine Vögel, es waren nackte Kätzchen, die die Augen geschlossen hatten und an den Zitzen ihrer grauen Mutter saugten, der wunderschönen grauen Katze, die so gerne um seine Beine kroch und sich an sie drückte. Er liebte den Druck dieses starken warmen Körpers mit dem weichen Fell an seinen Beinen, er liebte die Vertrautheit, die er fühlte zu diesem Tier, das er kraulte und streichelte und das ihm nie wehtat, wie die Menschen ihm wehtaten. Wußte der Riese eigentlich, wie weh er ihm tat? Er hörte den Riese weiterbrummen, durch den Knoblauchgeruch hindurch, und er spürte wieder, wie die Fäuste des Riesen ihn unsanft packten und ihn so drehten und drückten, daß sein Gesicht gegen die Wandtafel gepreßt wurde und er mit seiner Nase die Kreide auswischte. 

Das Lachen der andern tat ihm nicht mehr weh. Nichts tat ihm noch weh. Er war über den Schmerz hinausgekommen und war allein mit seiner Einsamkeit, den Kopf gegen eine Wandtafel gepreßt, die einen fahlen Geruch von Moder hatte. Den hatte der Schwamm zurückgelassen. 

Er war allein mit diesem ekelhaften Modergeruch. 

Unwillkürlich zog er den Kopf von der Tafel zurück. Er haßte Gerüche, die unangenehm waren, sie ließen immer Ekel in ihm hochkommen. Auch diesmal spürte er wieder, daß er sich erbrechen würde, wenn er den Kopf nicht zurückzog. Er wünschte sich nur, daß er sich nicht erbrechen müßte, das wäre noch schlimmer als seine Angst, über die alle lachten. 

Einmal war ihm schon übel davon geworden, und er kam damals nicht mehr vor die Türe, bevor nicht alles aus seinem kleinen Körper herausgeschossen war, und alle hatten aufgeschrien, und er hatte alles selbst abwischen müssen und es war ihm noch übler geworden, und er hatte sich nochmals erbrechen müssen, und es war nichts mehr in seinem Magen, und es tat ihm furchtbar weh, und der Schmerz zog sich vom Magen hoch, durch die Speiseröhre und den Hals hindurch, und riß seinen Körper auf. 

Nun spürte er die Pranke des Riesen wieder, die ihn erneut hilflos werden ließ und sein Gesicht wieder gegen die Wandtafel preßte, so daß er mit seiner Nase erneut etwas Kreide auswischte, aber diesmal wehrte er sich nicht mehr gegen den Modergeruch, denn er wußte, daß es keinen Sinn hatte. 

Er würde es geschickter anstellen. 

Unmerklich würde er die Nase aus der Kreide herausziehen, die Augen immer starr auf die dunkle Tafel gerichtet, die von Kreidestrichen zerfurcht war wie vorgestern der dunkle Abendhimmel von Blitzen, die ihm auch Angst gemacht hatten, aber das war einen andere Angst gewesen, eine schöne Angst, die Angst vor dem Großen und Geheimnisvollen. 

Er hatte schon eine unmerkliche Entfernung zwischen seine Nase und die Tafel gebracht, und er mußte schielen, um erkennen zu können, was die Kreidestriche bedeuteten, aber er konnte ja erst so wenig lesen, wenige Buchstaben waren es nur, die er erkannte, da war der mit dem Punkt, den kannte er, und den ganz runden kannte er auch, und den runden mit der Stütze, und die beiden mit den Bögen, der eine mit zwei und der andere mit einem, und der wie eine Schlange, und er versuchte, sie aneinanderzuknüpfen, wie der Riese es befohlen hatte, von Anfang an: m und a wird ma, i und n wird in, und da sah er hinter den Buchstaben noch etwas anderes, was verwischt war, was man nicht mehr sehen sollte, ausgelöscht durch den modrigen Schwamm, aber es war noch zu sehen, es schien durch die neuen Buchstaben durch. 

Er erkannte seine eigene ungelenke Schrift wieder, seinen Versuch, mit Kreide zu schreiben und zu malen, damals, als der Riese ihn erstmals zur Tafel gerufen hatte und er erstmals gespürt hatte, wie die Blicke aller sich auf ihn richteten und vierzig Augen sich in sein glühendes Gesicht einfraßen, und er nicht hatte fassen können, daß diese große Hitze über ihm zusammengeschlagen war. 

Er wußte noch, was er schreiben mußte, so etwas vergißt man nie wieder, nie. 

Er sollte "im" schreiben und den Himmel malen. Das konnte er sehr wohl, aber da er derart zitterte, daß er die Kreide nicht richtig halten konnte, gab die einen derart gräßlichen Ton von sich, daß sich seine Haare sträubten und er eine Gänsehaut bekam, während die andern aufschrien und der Riese ihn mit seiner Pranke hochhob und einfach fallenließ, wobei er sich die Handflächen derart abschürfte, daß sie brannten. 

Er hatte trotzdem den Himmel gemalt. 

Sein Himmel war ganz blau, und als er seinen blauen Himmel mit ungelenkter Hand malte, stäubte die Kreide blau zu Boden. 

Alle hatten über seinen Himmel gelacht, und der Riese hatte gemeint, er müßte eine weiße Wolke hineinmalen, damit man erkennen könnte, daß es der Himmel sei, und er war unfähig, eine Wolke zu malen, weil er keine Wolke malen wollte, und der Riese hatte mit ungeduldiger Pranke eine weiße Wolke in seinen Himmel hineingezwungen, und nun war es nicht mehr sein Himmel. 

Der Schmerz fiel über ihn, als er ihn nicht erwartete. Sein Kopf stieß gegen die dunkle Tafel. Der Schlag hatte ihn im Nacken getroffen. Das mußte die Pranke des Riesen gewesen sein, war der Gedanke, der noch in ihm aufzuckte, bevor er wußte, daß es diesmal kein Entrinnen vor dem Fallen gab, vor dem Hinunterstürzen durch einen dunklen Tunnel und vor einem Schmerz, der so ganz anders war, als alles, was er von Schmerzen schon kennengelernt hatte. 

So mußte es sein, geboren zu werden, durchzuckte es ihn. 

Aus fernen Zeiten kam ein Gefühl in ihm hoch, es war nicht neu, das Gefühl, einmal hatte er es gehabt, vor aller Zeit, einmal wird er es wieder haben. So mußte es sein, geboren zu werden. Geboren zu werden und zu sterben. 

Warum wußte er auf einmal, daß es so sein wird zu sterben? Er hatte dafür keine Antwort, er wußte es einfach, es war ihm auf einmal klar, Geburt und Tod sind gleich, Anfang und Ende gehen einher mit diesem Schmerz und mit einem Drängen, gegen das kein Widerstand stark genug war, und es drängte ihn weiter durch ein dunkles Loch hinunter, einen riesigen Krater, immer tiefer hinunter, immer stärker hinein in die Tiefe, immer schneller hinein ins Dunkel, das sich immer weiter aufhellte, immer lichter wurde, je tiefer er hinabgedrängt wurde, hinab in die heller werdende klare Tiefe des Himmels, des blauen, blauen Himmels. 

Der Himmel wölbte sich blau über ihm, und die Sonne wärmte seine Tränen.


Première publication dans "Intercity", l'anthologie interrégionale éditée par le LSV (Lëtzebuerger Schrëftsteller Verband) en janvier 1995 (Luxembourg, Ville européenne de la Culture 1995). ISBN 2-87967-027-6 (Op der Lay) et ISBN 3-88865-122-0 (Editions PHI) 
© Guy Wagner, 1995

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