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Die Heimkehr

Vom Sterben und Leben des Gustav Mahler

Roman mit Dokumenten-Collage

Guy Wagner

Beginn des Romans

So hilflos wie Jonas in seinem Fischleib lieg ich hier im Bauch der Amerika, kann aber durch eine Luke sehen, wie ich dabei bin, mich von der Freiheitsstatue zu entfernen. Sie wird stetig kleiner, während das Hämmern des Schiffes, das mich nach Europa bringt, stärker und lauter wird.

Um mir jede weitere Aufregung zu ersparen, hat mir Alma die ganze Zeit verschwiegen, wann wir wegfahren würden, und heimlich die Kabinen- und andern Koffer gepackt: es müssen gut vierzig sein. Ich erkenne erst, was los ist, als ich mich in einem leeren Zimmer wieder finde.

Alma sagt nur: »Wir kehren heim.«

Mein krankes Herz schlägt höher. Soll ich Wien, die geliebte, die verhasste Stadt wieder sehen? Soll ich ein weiteres Leben dort haben können und mir ein Haus in Semmering auf dem vor kurzem gekauften Grundstück erbauen können?

Aber nein. Die Reise geht nach Paris! Da war ich vor zwei Jahren bei Rodin, der mich mag und meine Büste mit viel Liebe modelliert hat, und zuletzt vor etwas mehr als einem Jahr, am 17. April, im Théâtre du Châtelet, wo ich während einer Matinee meine »Auferstehungs-Symphonie« dirigiert habe. Nachher hat man mir gesagt, Debussy, Dukas und Pierné – dieser, obschon er sich für die Aufführung eingesetzt hatte – hätten während der Aufführung den Saal verlassen, weil die Symphonie ihnen zu »schubertisch« geklungen habe. Das hat sie jedoch nicht davon abgehalten, mich nachher aufzusuchen. Ja, die lieben Kollegen   …

Der Kapitän salutiert. Ich werde in meine Kabine gebracht, die voll von Blumen und Geschenken ist: Die Freunde haben also gewusst, dass ich abfahren werde. Ich werde völlig angezogen noch von Fraenkel aufs Bett gelegt. Ich will sehen können, wie die große Amerika sich von New York entfernt. Sie hatte uns 1908 schon bei unserer zweiten Reise in die USA hierher gebracht.

Als Alma endlich bei mir ist, gibt Fraenkel ihr letzte Ratschläge. Danach dauert es nicht mehr lange, bis die Sirenen aufheulen und der Doktor sich mit langem Händedruck und traurigem Blick von mir verabschiedet. Eilig verlässt er die Kabine. Befehle gellen, die Maschinen beginnen zu tuckern, man hört die Ketten rasseln und stöhnen, als der schwere Anker hochgehoben wird, und ich spüre, wie sich das Schiff langsam, unendlich langsam vom Pier trennt.



© Guy Wagner, 2011


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