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"nochmals hoffend"

Roman zu Paul Klee

Guy Wagner

Beginn des Romans

1933: »Hinkt Europa oder ich?«
Menschentier,
Uhr aus Blut.
Paul Klee

Engel, meine Engel, die ihr mir von Kindheit an so lieb seid, wo, ja wo, aber wo seid ihr? Warum greift ihr jetzt nicht ein und verhindert, was dabei ist zu geschehen? Heute, am Montag, den 30. Januar 1933, wird Adolf Hitler, der Schreihals aus Braunau am Inn, deutscher Reichskanzler.

Der, den ich mit Fettkreide schon 1931 als stamtischler skizziert und damit meinen Abscheu für ihn ausgedrückt habe, ist nun an der Macht. Überall gibt es, trotz des kalten, regnerischen, ekligen Wetters, das schon seit Weihnachten anhält, Fackelzüge der Nazis, die es endlich geschafft haben, die Herrschaft an sich zu reißen, und die nun brüllend die »nationale Erhebung« verkünden. Das erinnert mich an eine Titelseite des Simplizissimus von 1930 mit einer Zeichnung von Olaf Gulbransson. Sie zeigt den Schnauzbart und zwei seiner Kumpane mit ihren immer wiederholten Schlagwörtern, die wie in Dada-Manier über die ganze Seite verstreut sind. Dazu die Bildunterschrift: »Man sollte ihnen die Regierungsbildung nicht verweigern – irgend’ne Bildung muß der Mensch schließlich haben.«

Damals habe ich gelacht. Heute ist mir nicht mehr zum Lachen, denn jetzt können die Schläger der SA ungestört ihren Terror ausüben. Brüllend. Das ist ihre Spezialität. Die Kerle brüllen, so wie ihr »Führer« bei seinen Auftritten immer nur schreit und brüllt. Normal sprechen kann der nicht, und ebenso wenig können seine braunen Gefolgsleute normal reden und normal gehen. Ihr Gang ist ein starres Stiefelstampfen. Ihr Gebrüll Nummer 1: »Sieg! – Heil!« Sieg für wen? Heil wem? Ihr Gebrüll Nummer 2: Etwas, das anscheinend eine Leierkastenmelodie als Ursprung hat und mit einem derart geistlosen Text versehen ist – »Die Straße frei dem Sturmabteilungsmann!« –, dass das »Lied« nun wirklich zu diesen dreinschlagenden, geistlosen Ochsen und ihrem Trapp-Trapp-Gestampfe passt.

Doch warum singen es so viele in den letzten Jahren nun schon mit? Die Deutschen sind doch kein derart blödes Volk, dass sie glauben müssten, es gehe nicht anders, als sich diese schlechten Verse einzuverleiben, geschrieben von einem SA-Schläger, der bei einer Hure lebte, durch einen Kommunisten ermordet und  danach zum »Märtyrer der Bewegung« hochstilisiert wurde.
Ich bin überzeugt, dass meine Landsleute von einer überaus ansteckenden Krankheit befallen sind, die unweigerlich zum Tode führt und der man den Namen »Braune Pest« geben sollte, so wie es im Mittelalter die »Schwarze Pest« gegeben hat. Hauptsymptome sind der gänzliche Mangel an Friedfertigkeit, Toleranz, Rücksicht, Empathie, Mitgefühl, Offenheit. Dafür treten Gewalt, Brutalität, Gewissenlosigkeit, Egozentrik, Überheblichkeit, Fanatismus auf erschreckende Weise zutage, nach dem Motto: »Und willst du nicht mein Bruder sein, so schlag ich dir den Schädel ein.«

Auch in Dessau, wo wir noch unsere Wohnung haben, und in Düsseldorf, wo ich seit zwei Jahren an der Kunstakademie lehre, marschieren sie durch die Straßen, die brüllenden Nazis mit ihren Fackeln, und keiner stellt sich ihnen entgegen. Und so stampfen sie denn an den Fenstern unseres Dessauer »Meisterhauses« vorbei wie überall in Deutschland. Brüllend.

Was ich von diesem stampfenden Gebrülle halten soll, sagt mir Bimbo, unser geliebter weißer Kater. Fauchend springt er von seinem Sessel und verkriecht sich. Ich weiß also Bescheid. Gutes verspricht das nicht, und doch will ich nicht so recht glauben, dass der Spuk lange andauern wird.

© Guy Wagner, 2014


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