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Nachbesinnung über die Fehlkonstruktion Mensch

Über Leopold Hoffmann
von Guy Wagner

Mit "Vor offenem Feuer" legt der Senior der Luxemburger Literatur, Leopold Hoffmann, nicht etwa einen Nachtrag zu einem beachtlichen und bewundernswerten Lebenswerk vor, sondern er führt dieses Lebenswerk weiter, als eine Nachbesinnung, die zum Weiterdenken anregt und aufruft.

Das beginnt mit der Doppeldeutigkeit des Titels: "Vor dem offenen Feuer". Offenes Feuer, ein Feuer, das erwärmt, und ein Feuer, das tötet ("das Feuer eröffnen"). Zwischen der heimeligen Wärme des Kaminfeuers, – an dem man in den Zeiten, als Leopold jung war, plauderte, berichtete, diskutierte, vorlas und den Kindern Geschichten erzählte –, und dem Hinrichtungspeloton, – dessen Grauen aus der Zeit der Nazibesetzung Luxemburgs sich tief in das Gedächtnis des deportierten Widerständlers Hoffmann eingeprägt hat –, liegt in der Tat eine dramatische Doppeldeutigkeit, die noch dramatischer dadurch wird, daß sie im Eigentlichen die Zeit des Erwachsenwerdens des Autors verkörpert, die Spanne zwischen einer behüteten Kindheit und einer von Sorgen und Auflehnung geprägten Jugendzeit und ersten Erfahrung als Lehrer.

Der Lehrer Hoffmann, dem es in seiner Berufszeit immer darauf ankam, ein präzises, auf Zahlen, Daten, Fakten beruhendes Wissen weiterzuvermitteln, das aus der Genauigkeit der Darstellung seine Tiefe und seine klare Fragestellung an die Jugendlichen gewann, stellt sich selbst im Untertitel eine gerade für ihn schwerwiegende Frage: Was ist das "Schicksal der Wörter in sprachloser Zeit"?
Es kann Hoffmann nicht gleichgültig sein, was mit den Wörtern und dem, was sie beinhalten, geschieht, in (s)einer Zeit, in unserer Zeit, in der die Isolation des Menschen umso stärker, als seine Abkehr vom Lesen größer wird und seine Hinwendung zunimmt zu Produkten, die uns überschwemmt haben: Fernsehen, Video, Multimedia, Computer, elektronische Spiele, künstliche Geschöpfe, lebenden Wesen nachgebildet, wie etwa die Tamagotchis. [Jetzt kann man bereits lesen, dass es Baby-Tamagotchis gibt, "cartoon-artige Windelträger" (CHIP), die pünktlich zu Weihnachten für 15 Euro zu kaufen sind!].

Das sogenannte Zeitalter der Kommunikation ist dabei, durch das Artifizielle, auf dem es beruht, die Menschen in die totale Einsamkeit zu führen.

Leopold Hoffmann aber haßt die Künstlichkeit, die der Kunst diametral gegenübersteht. Noch mehr haßt er jene, die ihr Reich auf einer solchen Künstlichkeit aufbauen und das Ihre dazu beitragen, dass die Unmenschlichkeit sich mit rasender Geschwindigkeit vergrößert.
Und genau dies ist, was Leopold Hoffmann so brillant in "Informatik beherrscht die Stunde" beklagt und anklagt. Seine Sorge um den Menschen wird in jeder Zeile spürbar; daher steht denn der Mensch, den Leopold Hoffmann so prägnant als "Fehlkonstruktion" bezeichnet hat, weiterhin im Mittelpunkt, oder vielmehr im Kreuzfeuer seiner Überlegungen.

Die Paradoxie des Untertitels, die auf Wörtern fußt, wird konsequent fortgeführt im ersten Teil des Buches: "Kontrapunkte", der aus fast schon formelhaften, virtuos ausgearbeiteten und reduzierten Aphorismen besteht mit Thema und Gegenthema, Spruch und Widerspruch. Die Aphorismen sind so präzis, dass man zuerst einmal stutzig innehält beim Lesen und sich mit der formalen Eindringlichkeit dieser Konstruktionen auseinandersetzt. Danach aber wird man sich sehr schnell bewußt, warum sich Hoffmann eine derartige formale Prägnanz gesucht hat.

Sein Anliegen wird mit einer solchen Eindringlichkeit deutlich, dass man hier von einer geradezu perfekten Synthese zwischen Inhalt und Darstellung reden muss. Gerade die Paradoxe, die der Autor in diesem Kapitel ausarbeitet, klären Begriff und Bedeutung der "Fehlkonstruktion Mensch".

Der dritte Teil des Werkes trägt den Titel des Untertitels: "Das Schicksal der Wörter in sprachloser Zeit" und beleuchtet mehrere Aspekte dieses Schicksals. Hoffmann greift das Gehabe jener, – insbesondere der "Kritikerpäpste" – an, die instinktlos, gefühllos, seelenlos an das Wort, an die Wörter herangehen und ihnen so ihre Seele, ihre Bedeutung für den Menschen und das Menschliche nehmen. Konsequenz: "In literarischem Stresspotenzzwang / kommt eine leere Zeit / in leerem Raum / zum Stehen".

Sodann beschwört er jene, die sich gegen die jetzigen "Endstationen" zur Wehr setzen und, so paradox dies auch klingen mag, er gibt seiner Hoffnung Ausdruck. "Eine Gegenwelt / baut sich in die Zeit hinein", so wie dies immer der Fall gewesen ist. Wir haben es zu tun mit der "ewigen Wiederkehr", die ihren "eigenwilligen Rhythmus" hat, dank der Tatsache, dass es gerade die Fehlkonstruktion Mensch ist, die trotz allem immer noch Widerstand leistet gegen die Unmenschlichkeit der Welt und die Entmenschlichung der Technik, aber nicht immer und gerade heute nicht die Überhand behält, wie es der Autor an seinem Text: "Genutzt verpatzt gestohlen" offenbart, der ganz neue Dimensionen gewonnen hat: In einer eindrucksvollen, beklemmenden Raffung gestaltet er einen Überblick der Entwicklung der Menschheit, von der Vorgeschichte bis zu "unserer widernatürlichen Zeit", wo der "Emotionsfaktor der Menschenwürde" zuschanden gekommen ist, und die Endzeit "klinisch" geworden ist.

Und wieder, wie so oft in seinen letzten Werken, erhält jene Suche nach menschlicher Würde und Größe auf die es Leopold Hoffmann im Eigentlichen ankommt, eine Antwort.

Waren in früheren Schriften, die mehr auf die literarische Kritik ausgerichtet waren, Ungeduld, Bitterkeit, ätzende Kritik seine alleinigen Waffen und wurde er deswegen sogar später manchmal als gesellschaftskritischer Misanthrop angesehen, so hat er seit langem bewiesen, dass dies nicht der Fall ist, im Gegenteil!

Je breiter bei ihm das Spektrum der allgemein menschlichen Fragen wurde, das schließlich von der Gesellschaftskritik bis zu existenziellen Infragestellungen reichte, desto stärker wurde die Menschlichkeit als solche ihm zum Herzensangelegenheit: "Menschlichkeit / wird ausgespart", klagt er nun.

Aber im Gegensatz zu Büchern ab 1983 ("Wer will schon wissen wie spät es ist"), fehlt in diesem neuen Band wieder die Ich-Form. Hoffmann tritt wieder hinter seine Fragen, Kommentare, bissigen Bemerkungen, kritischen Überlegungen zurück. Das ermöglicht ihm, sozusagen aus der wiedergewonnenen Distanz, Fragen zu stellen, die zuviel Subjektivität verhindert hätte.

Der Blick wird so noch klarer, die Betrachtungsweise noch kühler und kühner, die Wertung noch illusionsloser, das Gefühl noch stärker unterdrückt, die Bejahung des Endes noch nüchterner. Dadurch kommt auch der Annäherung an den Leser alles Kumpelhafte abhanden.

Die neugewonnene Distanz schafft auch bei diesem eine andere Beziehung zum Autor, da dessen Worte nicht ein unmittelbares, persönliches Verhältnis herstellen, sondern eines, das den Leser durch die Distanzierung dazu zwingt, zuerst seine eigene, sehr persönliche und individuelle Auseinandersetzung zu führen. Ist dies getan, versteht er erst die des Schriftstellers.

Er versteht seine Art der Fragestellung, seine Annäherung an das gestellte Thema, seine Kunst der Formulierung und seine bescheidenen, ehrlichen Antworten umso besser als sich das angespannte aber tiefe Verhältnis des Autors zur Fehlkonstruktion Mensch klarer denn je ausgedrückt hat, als Nachbesinnung, als neuer Anfang.

Dies macht die Begegnung mit dem letzten Werk von Leopold Hoffmann zu einem echten Gewinn.


© Guy Wagner, 1999 - Vorwort zu: "Vor offenem Feuer" von Leopold Hoffmann. Sammlung Graphiti D-3, Ed. Phi, 1999

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