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Klassen-Krieg
Guy Wagner

Zwanzig junge Menschen erstarrten. Der Schreck ließ sie verstummen.

Sie saßen versteinert, mit großen Augen voll Fragen, voll Fassungslosigkeit. Dann schrien sie, wie aus einer Kehle. Es war ein durchdringender Schrei.

Ich hatte mir doch soeben noch recht sicher und ruhig mit ihnen einen Weg durch das Gestrüpp der Zeit geschlagen, mich mit ihnen durch das Geschehen dieser Zeit hindurchgeschlagen, hatte versucht, ihnen verdeckte Pfade zu zeigen, die sie nicht kennen konnten. Sie hatten ja keine Ahnung von dem, was wir Geschichte nennen, Zeitgeschichte, von der Welt des Nach-45, die wir erlebt haben, die wir aufgebaut haben und die nun ihre Welt sein wird, in der sie sich nicht zurechtfinden, durch unsere Schuld.

Ich hatte versucht, ihnen Bosnien zu erklären, das was dort geschah, jeden Tag, denn sie sahen ja jeden Abend die Bilder am Fernsehschirm. Viele zappten sie weg. Sie wollten nichts von dem Unheil dort, so weit von hier entfernt, wissen, das war deren Sache, nicht ihre. Ihre war Michael Jackson, oder war es Gun’n’Roses, oder Claudia Schiffer?

Oder etwa doch nicht.

Einer meinte dann, wir seien alle dran schuld, an dem, was da unten geschah, in Bosnien, in den Bergen. Sarajewo? Davon hatten sie schon gehört. Dort war die Lunte gezündet worden, die vor achtzig Jahren Europa zum Brennen gebracht hatte.

Tito? Den Namen kannten sie auch.

Ich sprach ihnen von Ante Pavelic, dem kroatischen, vom Papst und von Hitler gesegneten Schlächter, auf dessen Schreibtisch ein Korb stand, voll „Austern von Dalmatien“? wie Curzio Malaparte fragte. Aber bitte, es waren vierzig Pfund Menschenaugen.
Sie starrten mich an, entsetzt.

Nur eine lief rot an und biß sich auf die Zunge, ein hübsches junges Mädchen mit scharf gezeichneten Gesichtszügen, und langem dunklen Haar, das es lose trug.

Ich meinte, es sei nur gut gewesen, daß Tito ein Kroate war, ansonsten es Jugoslawien nie gegeben hätte.

Sie waren stumm. Sie schwiegen weiter.

Nur eine lief rot an und biß sich auf die Zunge, ein hübsches junges Mädchen mit weich gezeichneten Gesichtszügen, und langem kastanienbraunem Haar, das es ebenfalls lose trug.

Ich sagte noch, Krieg sei immer entsetzlich, am fürchterlichsten aber sei ein Bürgerkrieg, da hörte ich einen wilden Schrei: „Das sind die Serben. Die Serben sind die Mörder!“

Ich erschrak. Die andern saßen wie versteinert da. Aber die mit dem kastanienbraunen Haar war aufgestanden. Sie hatte derart wild geschrien. Nun war ihr Gesicht weiß, weiß und durchsichtig, wie der dünne Schnee, der sich auf das Dach der Schule legte, genauso weiß und durchsichtig. Langsam setzte sie sich wieder hin. Sie war sich erst jetzt bewußt geworden, daß sie aufgestanden war. Aber die Schwarzhaarige hatte sich umgedreht, hatte sich ihr zugewandt: „Das stimmt nicht“, schrie sie, und ihre Haut war ebenso weiß geworden, weiß und durchsichtig. „Warum sind die Kroaten aus Jugoslawien ausgeschert? Wir haben doch die gleiche Sprache? Die gleiche Sprache! Hier in Luxemburg sagt man, die Sprache sei Teil der Luxemburger. Warum ist die Sprache denn nicht mehr Teil aller Jugoslawen?“

- „Weil Milosevic ein Diktator ist, haben wir uns abgetrennt von Jugoslawien.“

- „Ihr hattet kein Recht dazu.“

- „Ihr habt kein Recht uns zu unterdrücken. Warum haltet ihr die Krajna besetzt? Karadzic ist ein Mörder.“

- „Tudjman ist ein Idiot, und die Deutschen sind Hohlköpfe, weil sie diesen Idioten unterstützen.“

- „Du bist auch ein Idiot. Ihr seid alle Idioten. Ihr habt nichts anderes verdient als getötet zu werden. Ihr werdet alle sterben, und die Muslims zuerst, ihre Frauen, ihre Frauen, ihre Frauen. Sie müssen sterben, sonst töten sie uns, sonst vergewaltigen sie mich. Azid hat es mir schon angedroht. Aber ich werde mich zu wehren wissen, ich werde ihn zuerst töten, dann werde ich dich töten, mein Vater sitzt schon auf den Koffern, aber wenn er einberufen wird, da schießt er. Er kann schießen, wunderbar kann er schießen, mein Vater, der fürchtet nicht, der schießt zuerst, bevor ein anderer auf ihn schießt. Tak, tak, tak.“


Sie streckte den linken Arm nach vorne, den rechten winkelte sie durch. Tak, tak, tak.

Es knatterte kurz, trockene Schläge waren es, nun ein Zischen. Ein neues schrilles Zischen, ein Krachen. Das war ein Einschlag. Rauch brannte in den Augen. Es wurde still, und in die angstvolle Stille knatterten das Maschinengewehr. Alle schrien auf und duckten sich. Sie versuchten den Kopf einzuziehen, sich einzugraben in den Holzboden. Die Bänke splitterten, Kugeln bohrten das Holz auf, ein Loch reihte sich an das andere, wie bei einer Perlenkette, weiß und rund, und die Splitter flogen.

Und wieder ein Einschlag, und ein Schrei, ein entsetzlicher Schrei, und dann die Stille, die noch entsetzlicher war als der Schrei. Und da waren plötzlich kleine Spritzer, kleine rote Flecken, die immer größer wurden, immer röter, den Saal füllten, den Schulhof füllten, still die Schule eintauchten in ein gräßliches Rot. Nichts gab es mehr als dieses häßliche Rot, und die Kehlen brachten keinen Laut mehr hervor, die Augen brannten vom roten Rauch, und weiterhin die Stille, der Rauch, das Rot.

Immer noch die Stille, der Rauch, das Rot.

Nur noch die Stille, der Rauch, das häßliche blutige Rot.


© Guy Wagner, 1995 - Ausgewählt für die Anthologie der Mondorfer Dichtertage im Kulturjahr - This text in English: Class War

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