MUSIKZEIT (ÖMZ) – Oktober 2009, S. 91-92


GUY WAGNER: KORNGOLD. Musik ist Musik Berlin, Matthes & Seitz 2008. 535 S. 39,90 €

„Aber es ist, wie wenn ich ausge­löscht wäre“ – diese bittere Erkenntnis formulierte Erich Wolfgang Korngold am 15. Oktober 1956, etwas mehr als dreizehn Monate vor seinem Tod, in ei­nem Brief an Joseph Marx. Die Äuße­rung gehört zu den ergreifendsten der zahlreichen Quellendokumente, die Guy Wagner in seiner Biographie über den Komponisten auswertet (S. 431), um damit ebenso kenntnisreich wie anrührend ein Leben zwischen den Wel­ten zu schildern: zwischen Wien und Hollywood, zwi­schen Hofoper und Filmstudio, zwischen dem Ruhm des Wunderkindes und der verbitter­ten Existenz eines Künstlers, der sich zu Lebzeiten bereits vergessen, „ausgelöscht“ glaubte. Einfühlsam und mit einer Empathie, die nicht in blinde Apologetik umschlägt, zeichnet Wagner den Lebensweg Korngolds nach, wobei sein Buch besonders an jenen Stellen zu fesseln vermag, an denen sich die Perspektive weitet: Sei es, dass der Autor die spezifische „Treibhausatmosphäre“ im Wien um 1900 aufscheinen lässt oder die Welt, in der Erich Wolfgang Korn­gold lebte, gleichsam mit individuellen Konturen versieht, nämlich durch Pro­filierung der Biographien aus dem per­sönlichen Umfeld des Komponisten. Allein das Kapitel über Hans Robert (alias „Hanns Robert“, „John Robert“ oder „Robert John“) Korngold, den un­glücklichen älteren Bruder Erich Wolf­gangs, in den Memoiren seines Vaters nur ein einziges Mal knapp erwähnt, liest sich wie ein Roman, Viel Stoff zum Nachdenken gibt die Tatsache, dass dieses „schwarze Schaf der Familie" mit einer eigenen Jazzband, „Korngold's Six Rhythmicans", in Wien auftrat, während Julius Korngold als Kritiker seine publizistischen Giftpfeile gegen den Jazz abschoss und Erich Wolfgang Korngold im II. Akt der Oper Die Kathrin mit Elementen einer solch „trivialen“ Unterhaltungsmusik zumindest liebäugelte.

Man erahnt aus den von Wagner angenehm zurückhaltend, aber stets feinsinnig kommentierten Briefzitaten, welche Spannungen innerhalb der Familie geherrscht haben müssen – und wird die (ebenfalls zitierte) Erinnerung Paul Elbogens, Julius Korngold sei ein „widerwärtiger Kerl" gewesen, für nicht ganz ungerechtfertigt halten (S. 462).

Was die erste deutschsprachige Biographie seit Rudolf Stefan Hoffmanns Buch von 1922 an Dokumenten versammelt und zu einer unterhaltsam gestalteten, reich mit Bildmaterial illustrierten Lebensbeschreibung zusammenfügt, lässt die Persönlichkeit und das gesellschaftliche wie familiäre Umfeld Erich Wolfgang Korngolds so plastisch hervortreten, dass hiervon auch für das Verständnis seiner Musik in Zukunft einiges zu erwarten ist.

Den Nachholbedarf in dieser Hinsicht dokumentieren nicht zuletzt Wagners pauschale, wenig aussagekräftige Werkportraits im Stile eines Konzertführers, die – auch wegen der ungenauen, zuweilen falsch angewand­ten Terminologie (z.B. „Bitonalität" und „Polytonalität", vgl. S. 73, 145) — hinter dem Niveau der biographischen und kulturgeschichtlichen Passagen zurück­bleiben. Die Musik Korngolds muss weiter erforscht werden; dem Menschen Korngold aber wird durch Guy Wagners verdienstvolles Buch neues Leben ein­gehaucht.

ARNE STOLLBERG