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Zur Bilderwelt der Anna Recker

Gedächtnis des Steins

Guy Wagner

Gedächtnis des Steins Körper des Regens
Schütze aus einer anderen Epoche;
alles billig, von allen vergessen
einfach so, weil es vorbei ist.
Michalis Burbulis


Mahnmal - verschlüsselt II
180 x 130 cm
1991

Als ich Anna Recker kennenlernte, - es war anno 1976; sie sollte eine erste Einzelausstellung in der Escher Kunstgalerie haben und ich sollte als Präsident der Kulturkommission eine Einführung in ihr noch junges Schaffen geben - trug sie noch nicht Schwarz, hieß sie noch Annegret und gab sich mit toten Vögeln, toten Insekten, toten Reptilien ab, die ihre Bilder belebten und sie an Hieronymus Bosch erinnern ließen. Sie hatte nach drei Jahren Studium an der Folkwangschule für Gestaltung, den Weg nach Berlin an die Staatliche Hochschule der Künste gefunden, an der sie zwölf Semester studierte, ein Jahr (1977/78) sogar als Meisterschülerin von Prof. Heinz Trökes. Zu diesem Zeitpunkt wußte sie sicher noch nicht, daß es sie einmal - endgültig? - nach Luxemburg verschlagen würde. Damals standen ihr, nach den Lehrjahren, die Wanderjahre noch bevor, die auch wieder von Luxemburg her, ausgelöst wurden. Der erste Preis für Malerei der Escher <Biennale des Jeunes> von 1979 verschaffte ihr für 1980 eine Studienbörse an der <Cité Internationale des Arts>, wo sie mit den französischen Strömungen des künstlerischen Schaffens in Berührung kam. 1982 erhielt sie ein Stipendium von Bad Münster a. St. Ebernburg und wurde für ein halbes Jahr Stadtzeichnerin Nürnbergs; 1986 erhielt sie eine weitere Börse der <Südlichen Weinstraße>. Trotz allem aber kehrte sie immer wieder nach Luxemburg zurück, woran, - ich muß es gestehen! - ich nicht ganz unschuldig bin.

Nach ihrer Escher Ausstellung bat ich sie nämlich, im folgenden Jahre einen Kurs an der Sommerakademie zu übernehmen, was ihr ermöglichte, stärker mit unserem Lande, seinen Menschen und seinen Lebensgewohnheiten in Verbindung zu kommen. Sie gewann Freunde und Vertrauen in das Land. Sie kam nach Luxemburg, um hier zu wohnen und zu arbeiten, unterrichtete ein Jahr am <Lycée Technique Mathias Adam> und gründete 1978 ihre eigene Zeichenschule: Sie hatte sehr wohl erkannt, daß es hierzulande in dieser Hinsicht einen echten Nachholbedarf gibt. Kein Wunder demnach, daß mehrere junge Künstler, die sich heute einen Namen machen, von ihr eine künstlerische Grundlage erhielten, die es ihnen nun viel leichter macht, weiterzukommen.

1978-1993: 15 Jahre Luxemburg... As time goes by...

Mit ihrem kreativen Schaffen stellt sich Anna Recker gegen die fliehende Zeit.

Ihr Werk ist eine Antwort, ihre Antwort, ihre sehr persönliche und eigenwillige Antwort, auf die Fragen und Probleme, welche die Flüchtigkeit und Vergänglichkeit für jeden von uns aufwerfen.

Anna hat diese Antwort nicht auf Anhieb gefunden. 15 Jahre konsequenter künstlerischer Auseinandersetzung mit einem Sujet, einem einzigen, sind nur im Rückblick klar zu gliedern, ja recht einfach zu verstehen, so wie es immer einfach ist, Geschichte im Nachhinein zu interpretieren.

Seit 15 Jahren stellt Anna Recker sowohl das Fließende als das Starre vor als Sinnbilder von Vergänglichkeit und von Spuren des Vergangenen... oder etwa auch des Kommenden. In der Grenzstadt aller Städte, in Berlin, erlebte sie Anfang der 70er Jahre hautnah den Aufstand gegen die Konformität und die <bleierne Zeit>, die Agressivität von Eingeschlossenen, sowie die Lebens-Bedrohung seitens der erstarrten Brejnew-Ära und der Eskalation der westlichen Aufrüstung. Mußte einem nicht bange sein um die Zukunft, war man nicht gezwungen, darüber nachzudenken, wie man sich schützen könnte, vor dem, was an der Oberfläche geschah..., in Bunkern, unterirdischen Städten, Riesen-<Gräbern>: das Wort kommt von Graben, und man denke an Kästner?

Doch bevor es zu dieser, ihr eigenen Gestaltungs-Form kam, hatte sich Anna Recker auf andere Weise mit der Fragilität auseinandergesetzt. Sie deutete Stoffe und Stofflichkeit...

Eigenartig, während ich dies schreibe, erinnere ich mich wieder, wieviel Bewunderung ich seit meiner Jugend alten Meistern entgegengebracht habe, die es mit unendlicher Geduld und noch mehr handwerklichem Können, fertigbrachten, Stoffe, Gewebe, Samt, Seide und durchsichtige Vorhänge plastisch-realistisch darzustellen. Dies ist nur dem gegönnt, der sein Metier kennt und beherrscht. Anna beherrscht es virtuos, weil sie lange und intensiv studiert hat und dauernd, mit radikaler Konsequenz an sich und ihrer Kunstfertigkeit gearbeitet hat, sich zahlreiche Techniken, auch Lithographie und Siebdruck, erarbeitet hat, ohne dem flüchtigen Tagesruhm hinterher zu eilen. Es ist daher nicht verwunderlich, daß man zuerst einmal vor der Virtuosität ihrer Gestaltungs-Kunst Achtung gewinnt.

Nur geht es Anna Recker aber nicht darum, Natur nachzubilden. Kunst ist nicht Reproduktion, sondern Gestaltung. Das Nachdenken über das <Was> muß einhergehen mit dem Wissen um das <Wie>.

So fand die Dialektik in ihrem schöpferischen Gestalten einen sehr persönlichen Ausdruck, da ihr ganzes Denken eine dialektische Grundlage hat. Das Weiche, Leichte, Vaporöse, Fließende, stießen auf das Harte, Starre, Faßbare; Stoff und Bewegung wurden mit Stein und Unbeweglichkeit konfrontiert. Die Synthese ergab sich aus der Frage nach dem Bleibenden in der Vergänglichkeit.

Sie ergab sich auch aus einer Kombination verschiedener Kunstarten, zu der Anna hinstrebte und in der mehrere Vorgänge im gleichen Zeitablauf erfolgen sollten: Dies ist die Grundidee ihres <synchronoptischen Theaters>, dessen erste Verwirklichung ich glücklich bin, 1987, mit der LGNM im Escher Theater ermöglicht zu haben.

Seit jeher haben die Menschen in den Steinen, in < gefallenen Sternen>, wie Anna Recker einmal geschrieben hat, ein Sinnbild dessen gesehen, was sie überdauern würde, und von den Megalithen und dem kunstvollen Sonnentempel von Stonehenge zu den Pyramiden der Pharaonen, von den Grabstätten auf den Höhen des Machu Picchu zu den himmelstürmenden gotischen Kathedralen, geht ein gerader Weg zu ihrem ganz eigenen Denken und Nachdenken. Anna deutet den universellen Willen der Mächtigen... und der Schöpferischen, sich selbst zu überdauern, etwas für die Zeiten nach ihnen selbst hinter sich zu lassen, zu hinterlassen.

Sie hatte so ihr Grundthema gefunden, das sie immer wieder anders angeht, dem sie sich immer aufs Neue und auf neue Art und Weise, aus einem neuen Blickwinkel annähert. Sieht sie zu einem ersten Zeitpunkt (Anfang der 80er Jahre) das Ganze: Stein-Landschaften, geschaffene Welten, streng gegliedert, in die Tiefe der Erde eindringen, so folgen etwas später Aufbauten, die aus der Erde sozusagen herauszuwachsen und am Horizont luftwärts zu fliehen scheinen. Sind es zuerst quadratische, rechteckige und dreieckige Steinquader und -strukturen, die Erinnerungen vor allem an die zerstörten Kulturen und <Kultstätten> (Werktitel) in Lateinamerika wecken, so werden es danach kreisrunde, herausgearbeitete Bauten, die Öffnungen zu Schächten werden, von denen wir nicht einmal erahnen können, wohin sie führen, die aber eine Bedrohung von oben abwehren dürften. Sie werden dann wieder abgelöst durch klotzige Mauern und Wälle, die vor etwas schützen sollen, das, von der ebenen Erde her, eine Gefahr darstellen könnte. Ganze, oberirdische, ausgestorbene (?) Städte wechseln mit einzelnen <unterirdischen Behausungen> ab, Minettefarbene Steinlabyrinthe, durch die ein blauer Wassergraben wie der Ariadne-Faden führt, werden abgelöst von Einzelsteinen, die <Mahnmale>, <Grabmale>, <Königsmale> sind: Vom Globalen zum Einzelnen, vom Universellen zum Besondern, von der Gesamtübersicht zum signifikativen Detail...

Gerade aufs Detail aber kommt es beim Betrachten der Bilder von Anna Recker an, und insbesondere ihre Megalithe weisen bedeutsame Zeichen auf.

Risse ziehen sich durch sie hindurch, als habe das erodierende Wasser seine Spuren hinterlassen. Doch nicht nur eines der vier Elemente hat in einem andern seine Zeichen gesetzt, auch ein denkendes Wesen hinterließ Merkmale und Symbole seiner Präsenz, seiner Arbeit an der Materie, als Eingrabung oder als Relief.

Es sind dies Symbole, die uns vertraut scheinen von frühen Kulturen her, die aber hier assoziiert werden über Zeiten und Räume hinweg.

Wer Anna Recker kennt, weiß, wie sehr sie sich mit Symbolen abgibt, als einem Mittel, Zusammenhänge zu verstehen und an die Grundfragen unserer Existenz heranzugehen. Symbole werden daher in ihren Bildern zu Spiegelungen ihrer eigenen existentiellen Fragen als des Suchens der Menschen ganz allgemein.

In Anna Reckers Werk ist der Mensch als Person völlig abwesend. Er gibt sich aber kund durch seine Arbeit mit dem Stein und am Stein: durch das planende Gestalten seiner <Behausungen>, seiner <Refugien>, durch die Zeichen, die er in die <Steinmale> gesetzt hat, um zu verstehen und deutlich zu machen, daß er noch anwesend ist oder einmal war.

Anna Reckers Bilder lassen allerdings die Frage offen, ob sie auf Vergangenes hinweisen oder eine Projektion sind auf die Zukunft, die bedrohte Zukunft des Menschen, die Zukunft, die er sich selbst durch seine Maßlosigkeit bedroht. Sie lassen nicht erkennen, ob es sich in dem, was sie darstellen, um die <Urgeschichte> oder eine <Nachgeschichte> handelt, wie Ulrich Horstmann trefflich formulierte.

In den neuesten Bildern der Künstlerin, in denen vom <Garten Eden> die Rede geht, tritt auch das Element des Feuers in ihre <Kosmologie> (L.Kayser) ein, aber ebenfalls nur als ein <danach>: Der Garten Eden ist verbrannt, das Feuer läßt <Ruß und Asche> zurück. Prometheus hat sich überschätzt.

So kommt es gerade in diesen ruhigen, stillen Werken zur Spiegelung der Unruhe von Anna Recker, ihrer Sorge um die Zukunft, ihrer Angst gegenüber einer möglichen Katastrophe. Wie immer in ihren maßvollen Bildern setzt sie sich auch hier gegen die Hybris zu Wehr, deren Konsequenzen fatal wären und jetzt sind schon.

Ihr Werk, in dem die Figur des Menschen fehlt, ist demnach von seinem Wesen her, geprägt durch eine einzigartige Menschlichkeit.

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© Guy Wagner, 1993 - Ausstellung: "15 Jahre Luxemburg: Zur Bilderwelt der Anna Recker - Gedächtnis des Steins"


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