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Zur deutschsprachigen Erstaufführung

Warum “Rosel” im Escher Theater?

Guy Wagner

Ich hatte Vera Oelschlegel im Anschluß an “Grüner Schnaps und roter Mond”, am 22. April 1989, zu einer kleinen Begegnung mit dem Escher Publikum ins “Theaterstiffchen” eingeladen. Sie hatte den Klassiker Brecht wieder zu einem geistigen Partner gemacht, dessen Aktualität für unsere Zeit wichtig bleibt. Dies war für mich umso faszinierender, als ich dachte, in der DDR, wo Frau Prinzipalin doch eine hochangesehene Aushängefigur des politischen Systems zu sein schien, wäre Brecht über jede interpretatorische Eigenwilligkeit enthoben worden.

Hatte die Leiterin des “tip”, - des Theaters, das sie im Palast der Republik, der Stätte der Herrschenden, zu einer über die Systemgrenzen des Landes hinaus bedeutenden Hause gemacht hatte und das anerkannt wurde, auch und gerade wegen seiner Offenheit, - etwa mehr Narrenfreiheit als die meisten andern oder doch einfach nur mehr Mut? War sie eine “Mutter Courage” der DDR?

Ich hatte keine Antwort auf diese Fragen, wurde mir aber im Laufe des ersten längeren Gespräches bewu߆, wieviel Kraft und Faszination von dieser Künstlerin ausging, wieviel Wille auch, mit dem Kopf durch eine Wand zu gehen, und sei es die Berliner Mauer, die zu dem Zeitpunkt starrer und fester denn je stand. Waren nicht die BRD und die DDR gleichzeitig Mitglieder der Vereinten Nationen geworden? War nicht Erich Honecker mit allen Ehren, die man einem Staatschef schuldete, in Bonn und Westdeutschland empfangen worden? Hatte man sich nicht etwa eingerichtet mit der Tatsache, daß es einen zweiten deutschen Staat gab?

Nun, gerade zu dieser Zeit trug ich mich mit dem Gedanken, eine “Kulturwoche der DDR” anläßlich des 40. Jahrestages der Staatsgründung im Escher Theater zu veranstalten, dem Hause, das, schon unter meinem Vorgänger, als erstes Kulturinstitut unseres Landes, Anfang der siebziger Jahre Ausstellungen und Aufführungen mit Werken von Künstlern und Autoren des damals noch als “Gebilde” bezeichneten Staates verwirklicht hatte.

Ich hatte dies geplant, um neue Kontakte zu schaffen zu den Künstlern “von drüben” und um unseren Kunstschaffenden eine Chancen zu geben, im andern Teile Deutschlands Fuß zu fassen. Das Projekt war jedenfalls auf Gegenseitigkeit angelegt. So waren Möglichkeiten bestimmt worden, für Luxemburger Komponisten und Interpreten, in der DDR aufzutreten, und Vera Oelschlegel plante mit Frank Hoffmann eine Verwirklichung von Heiner Müllers noch immer nicht in der DDR aufgeführten Stücks “Mauser”.

Vera Oelschlegel war es denn auch, die mir vorschlug, im Rahmen dieser Kulturwoche mit Müllers “Quartett”, der Neudeutung der “Liaisons dangereuses” von Choderlos de Laclos, die kurz vorher als Sensation im “tip” gefeiert worden war, und mit Märta Tikkanens “Liebesgeschichte des Jahrhunderts” in Esch zu gastieren. Ich hatte mit Freuden zugestimmt, konnte aber sowenig wie unsere allwissenden Politiker ahnen, wie sehr sich in acht Monaten die Welt verändern würde.

Im Laufe des Spätsommers waren Bernd Peschke und Manfred Ernst, der “Quartett”-Regisseur und der männliche Gegenspieler der Oelschlegel, über Ungarns grüne Grenze in den Westen geflohen. Nun stand die Prinzipalin da mit einem Stück ohne Partner, und als wir Ende September telefonierten, wußten wir nicht, wie es weitergehen könnte. Aber dann erlebte ich, was Berufsethos doch an Imagination und Kraft auslösen kann. Vera Oelschlegel hatte Heiner Müller dazu gebracht, in einer letzten Aufführung im “tip”, am 2. Oktober 1989, den Part des Valmont zu lesen, während sie die Merteuil spielte.

Dank ihres Verantwortungsbewußtseins, brachte sie Heiner Müller nun dazu, auch nach Esch zu kommen, um hier, am 11. Oktober 1989, an einem Tisch sitzend, mit Zigarre und Whiskyflasche bewaffnet, die zweite und allerletzte “Quartett”-Darbietung in dieser einzigartigen Fassung zu bestreiten und so dem Escher Theater ein Stückchen Theatergeschichte zukommen zu lassen; dies zu einem Zeitpunkt, als in Ostberlin Demonstranten, die “Gorbi, hilf!” geschrien hatten, brutal zusammengeschlagen worden waren und Vera Oelschlegel bei ihrer Abreise nach Esch erfahren mußte, daß ihre Tochter ebenfalls unter den Opfern war.

Ich werde wohl nie wieder in meinem Leben vergessen, wie sie, von meinem Bürotelefon aus, erstmals mit ihrer Tochter reden konnte, wie groß ihre Verzweiflung war über das, was in jenen Tagen geschah, wie leidenschaftlich sie über die verkalkten Starrköpfe drüben auch in einer Pressekonferenz im Escher Theaterstiffchen, zusammen mit Heiner Müller, urteilte. Ich konnte nur ahnen, was in ihr vorgehen mußte, als sie diese Theaterarbeit, die so sehr auf ihr Haus zugeschnitten war, mit ihrem Lebenspartner Gregor Edelmann, an die Gegenbenheiten der Escher Bühne anpaßte und sie das Wort “Glücksgefühl” auf der Zunge zergehen ließ wie ein Bonbon, das man nicht fertiglutschen aber auch nicht ausspucken konnte und an dem man jeden Augenblick zu ersticken drohte.

Seltsam hat mich zwei Jahre später berührt, daß Vera Oelschlegel darüber in ihrer Autobiographie “Wenn das meine Mutter wüßte” schreibt, aus ihrer Sicht heraus, und dabei den “Intendanten W.” nicht vergessen hat.

Ich wußte seit 1990, daß sie an diesem Buche schrieb. Wir riefen uns manchmal an, und sie erzählte mir von ihrer Trauer und ihrer wilden Entschlossenheit, sich nicht zerstören zu lassen durch all den Haß und die unzähligen Versuche, sie zu vernichten, besonders durch infame Artikel in der sogenannten Fachpresse: Der Mann in “Theater heute” konnte zwar gemein-süffisant über sie den Stab brechen, ihren Namen aber nicht einmal richtig schreiben. Dazu brauchte er sie auch nie auf einer Bühne gesehen zu haben.

Inzwischen hatte ich das Buch gelesen, aber auch die ganze Polemik um die Autorin und ihre Aussagen verfolgt. Es war mir sehr deutlich geworden, um was es ging: Hier wurde wieder jemand fertiggemacht, der etwas konnte. Wahr ist, daß Unzählige an das System geglaubt haben, daß noch mehr einfach mitgemacht haben, daß Abhören und Ausforschen zur Staatsreligion erhoben worden waren. Die Polemik um “Informelle Mitarbeiter” und “Polithuren” , um “Parteikarrieristen” und “Stasidenunzianten” aber bezieht sich immer auf Menschen, die etwas in der DDR geleistet haben, die etwas bewegt haben, und es steckt, - davon bin ich überzeugt! - System dahinter.

Heiner Müller aus Berlin wird angegriffen, und zwar durch einen drittrangigen Dramaturgen und Regisseur, dem er immer wieder geholfen hatte, und nicht ein unbekannter Schreiber namens, sagen wir mal, Heinz Meier aus Cottbus; Vera Oelschlegel soll vernichtet werden, und nicht ein obskurer Dramaturg einer drittklassigen hinterprovinziellen Theaters, sagen wir mal, aus Zeitz oder aus Olbernhau.

Was aber niemand Vera Oelschlegel abstreiten kann: Sie hat Menschen aus allen Ländern an ihr “tip” geholt, von Luigi Nono bis Curt Bois, und, vielleicht, weil sie zu einem kurzen Zeitpunkt der Geschichte des Landes “ganz oben” war, den DDR-Bürgern die Gelegenheit gegeben, sie kennenzulernen. Sie hat ihr Haus zu einem multidiziplinären Kulturstätte gemacht, mit Kindertheater und Konzerten, mit Autorenlesungen und Werkstattgesprächen, mit Ausstellungen und Uraufführungen, und vielleicht fühlte ich mich ihr gerade deswegen derart wahlverwandt.

Sie hat Figuren auf der Bühne gedeutet, die nun wirklich nicht in ein Kaderdenken hineinpaßten und wegen ihrer Menschlichkeit, ihrer Fraulichkeit betroffen machten und machen, was ihr denn, trotz aller Anfeindungen, einen “Inthega”-Preis mit Strindbergs “Totentanz” einbrachte.

Zu einer “Totentanz”-Aufführung, die ich ans Escher Theater geholt hatte, sah ich sie am 29.3.1992 wieder. Damals sprach sie mir von “Rosel” und gab mir den Text von Harald Mueller. Nur wenige Tage später war mir klar: Die Chance der deutschsprachigen Erstaufführung durfte Esch nicht verpassen. Ich leitete sie in die Wege, mein Freund Helmut Liede, der Leiter der Thomas Mann-Bibliothek, half mir dabei. Dann gab ich den Auftrag weiter. Mein Nachfolger in Esch führt ihn heute abend zum Abschluß. Ich danke Vera Oelschlegel und Gregor Edelmann für ihr Vertrauen und ihre Freundschaft. Sie ist und bleibt menschen-, nicht systemgebunden.

© Guy Wagner, 1993 - Photo... Retour Théâtre Esch... Mikis Theodorakis

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