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"Zu den Sternen"
Guy Wagner

Die Luft war voll von diesem süßlichen, unerträglichen Geruch verbrannten Fleisches. Er hatte sich über die Felder gelegt, war die Hügel hochgezogen, hatte die Ebene bedeckt und war die Berge hinaufgekrochen, wo er hängen blieb.

In den Höfen saßen die Menschen zusammen, starrten vor sich hin, versuchten, mit ihren Fingern die Nasenlöcher zuzudrücken, um nur dann zu atmen, wenn die Lungen nach Luft riefen. Sie sprachen nicht, nur in ihren Augen war eine Verzweiflung zu lesen, die soviel mehr sagte, als alle Worte es hätten tun können.

Beim Nachbarn hatten sie das Vieh gekeult, wie es jetzt heißt, über tausend Rinder und Kühe, Schafe und Schweine. Einen ganzen Tag und eine ganze Nacht und noch einen Tag lang hatten die Männer in weißen Kitteln, mit weißen Plastikhandschuhen, die immer wieder gegen neue, sterilisierte ausgetauscht wurden, mit weißen Plastiküberzügen über den Stiefeln Gift in die Venen der Tiere gepumpt, jedes Mal ein Schnapsglas voll bei den Rindern, etwas weniger bei den Schweinen und Schafen. Es dauerte nicht lange, höchstens sieben Sekunden, dann brachen sie zusammen. Nur ein dumpfes Stöhnen gaben sie von sich.


Dann das Hinausschleppen, das Auftürmen der Kadaver, mit Baggern und mit Gabelstaplern, und schließlich das Anzünden der riesigen Scheiterhaufen, als die Nacht hereingebrochen war. Danach der Geruch, der süßliche, der unerträgliche.

Farmer McGuilt stemmte die Fäuste auf den Tisch.

„Meine nicht!“, knurrte er. Das war zuerst alles, was er sagte.

Seine Frau und die beiden Söhne sahen ihn an. Sie schwiegen.

„Was willst du tun, Vater?“, fragte der Jüngste, als er sah, wie die Augen seines Vater nass wurden. Wann hatte er ihn zuletzt weinen sehen? Damals, als sein Lieblingspferd das Bein gebrochen hatte und erschossen werden musste, erinnerte er sich.

„Sie wissen es“, sagte der Alte.

„Was?“, fragte die Frau, die die Hände gefaltet hatte, aber sie betete nicht, sie presste nur die Finger so heftig zusammen, damit sie nicht zu stark zitterten.

„Dass sie sterben müssen“, sagte ihr Mann.

Das Schweigen danach war noch bedrückender.

„Habt Ihr einen Laut der Tiere gehört?“, fragte er, drückte die Fäuste in den Tisch, stand schwerfällig auf, und sein Blick ging zu den andern. Sie sahen ihn an, ihrerseits stumm fragend.

„Nein, es war still, die ganze Zeit war es still, nur als man fütterte, hörte man sie wieder, die Tiere, und dann erneut die Stille. Sie wissen es.“

Ein Ruck ging durch ihn: „Meine nicht!“, wiederholte er und ging aus dem Zimmer. Er trat vor die Türe des Hauses.

Die Nacht war glutrot. Wie Schatten von zum Himmel gereckten unförmigen Waffen sahen die Beine der brennenden Kühe und Rinder aus, unter denen das Feuer weiß glühte. Die Hitze schlug herüber, wie der Geruch, der süßliche, der unerträgliche.

„Meine nicht!“

Er trat in die Ställe. „Ihr nicht!“, schrie er.

Die Rinder standen eng zusammen, rückten aufeinander zu. Er sah, wie ihre schweren Körper zitterten.

„Die haben mitbekommen, was geschieht“, dachte er. „Sie wissen, dass auch sie an der Reihe sein werden.“

Einige stampften mit den Hufen, andere rissen an ihrer Halshalterung, noch andere gaben ein klägliches Muhen von sich. Es war so ganz anders, als wenn McGuilt und die Söhne ihnen Futter brachten.

„Ich habe Zeit, sie zu füttern. Sie brauchen Kraft!“, knurrte der Farmer und kehrte ins Haus zurück.

„Kommt!“, rief er, und Frau und Söhne folgten ihm in die Ställe. „Füttern wir sie!“, sagte Mc Guilt.

Und während die andern mit dem Füttern begannen, band McGuilt alle los, ruhig auf die Tiere einredend. Mit dieser neuen Einrichtung war das einfach geworden. Danach öffnete er die Gatter der Schweine und die Gitter der Schafe.

Der Morgen kam mit den Männern. McGuilt hörte das Klingeln an der Haustüre. Er ging hinaus. Er war sehr ruhig. Eine ganze, weiße Mannschaft stand da, ausgerüstet zum Töten.

„Sie wissen, warum wir hier sind.“

McGuilt nickte.

„Machen Sie es uns nicht schwer. Es tut uns ja leid, aber Befehl ist Befehl.“

„Das haben die Henker zu allen Zeiten gesagt.“

Die Frau und die Söhne kamen aus den Ställen. Sie sahen McGuilt an. Der starrte sie an, und sie verstanden ihn. Sie blieben auf der Türschwelle stehen und sahen den weißen Männern nach, als diese in die Ställe trat.

Sie hörten das Trampeln der Tiere, das ganz plötzlich begann, drinnen, wie auf Befehl. Sie hörten das Fluchen, danach die Schreie jedes einzelnen des Tötungskommandos, schrille, gelle, durchdringende Schreie, die zu Schmerzenrufen wurden, zum Stöhnen, zum Röcheln, und als die Stille kam, sehr spät, sahen sie die Tiere, die sich herausdrängten, schnell zwar, aber ohne dass es ein Stocken gab, nicht bei den Rindern, nicht bei den Schafen und nicht bei den Schweinen. Erst draußen begannen sie zu laufen, immer schneller, vorwärts, geradeaus, als ob sie wüssten wohin. Die großen zuerst, die kleinen hinterher, den Blick nach vorne gerichtet, wie von einer unsichtbaren Kraft vorangetrieben.

McGuilt rief ihnen nach: „Lauft, lauft!“

Die Erde zitterte unter dem Schlag der Hufe, der schweren und der leichten, der unzähligen. Die Tiere trieb es weiter, immer weiter, unaufhaltsam in den Morgennebel hinein, über Felder und Hügel, über Täler und Berge hinweg, weit hinaus, immer weiter, weg vom Geruch, dem süßlichen, dem unerträglichen, hin zu den Sternen.
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Vorabdruck 1. Fassung in "kulturissimo" mensuel, Nr. 11, 2. Oktober 2002

© Guy Wagner, 2001

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