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Aus "Winterreise.Roman"
Guy Wagner

Kapitel 24

DRÜBEN HINTERM DORFE STEHT EIN LEIERMANN. Auf dem Eis und dem Schnee. Die Landschaft scheint erstarrt. Man denkt an Caspar David Friedrich.

Man sieht kaum noch die dunkle Gestalt des Mannes auf dem Weiß des eis- und schneebedeckten Feldes, doch man hört diese schnarrenden, gequälten, sich immer wiederholenden Töne, die Bordun-Quinte der vom Adels- zum Bettlerinstrument gewordenen Leier.

Die Gestalt, ein entfernter Schatten, daneben ein immer leerer, kleiner Teller. Verbeulter Hut mit nach unten hängender, breiter Krempe, langer zerrissener Mantel, Finger, die aus durchlöcherten Handschuhen herausstarren, verschlissene Hosen, die die nackten Füße nicht bedecken können, eine Hand, die die Leier hält, und eine, die dreht und dreht. Die Töne kehren wieder, immer wieder, wieder und wieder, so oft, dass im etwas entfernt gelegenen Dorfe die Hunde zu bellen beginnen. Ihr Gekläff vermischt sich mit dem Bordun des Leiermanns. Ein Krähenkrächzen gesellt sich dazu. Schauerlicher Dreiklang an diesem leeren Wintertag, der seinem Ende zugeht.

Die kalte Sonne bleibt hinter tiefgrauen Wolken verborgen, während der Himmel langsam dunkelt und der Schattenriss des Leiermannes noch weniger auszumachen ist, wenn man in die Leere hineinstarrt, in die der Schnee wieder zu fallen beginnt. Zuerst sind es nur wenige Flocken, die aber dichter und dichter werden.

Von weitem kommen Schritte zum Schauerdreiklang hinzu. Der Schnee knirscht.

Der da kommt, hat zumindest Schuhe an den Füßen, trägt ein Einsiedlerkleid und einen Lorbeerkranz.

Dante auf dem Weg in die Hölle, hinunter zum siebten Kreis, da wo die Verdammten in ewigem Eise unbeweglich ausharren müssen?

Dazu ist der Mann zu klein geraten und auch etwas zu dicklich, hat zudem eine Brille mit runden Gläsern in einer Stahlfassung auf der fleischigen Nase. Er geht mit jenem gesetzten Schritt, der seinen Freunden so vertraut gewesen ist, und schreitet leicht gebückt voran, die Hände mit ineinander verschränkten Fingern auf den Rücken drückend.

– Servus, Alter. Wunderlicher Alter.

– Servus, Franz. Wunderbarer Franz.

– Darf ich mit dir gehen?

– Wenn du willst.

– Wohin geht dein Weg?

– Nirgendwohin.

– So ist es auch mein Weg.

– Es ist unser aller Weg. .


Winterreise.Roman
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© Guy Wagner, 2005 - siehe auch: Fragen an Guy Wagner PDF... Kommentare...

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